Das Ende der Schmerzen: Ein Zahnarzt, ein Jahrmarkt und der Ursprung der Narkose

Shownotes

Egal ob beim Zahnziehen oder bei einer Operation am Herzen – ohne Anästhesie wäre vieles in der Medizin nicht einfach so möglich. Ein gewaltiger Sieg, findet Schauspieler Ulrich Noethen. Er macht sich auf die Suche nach den Ursprüngen der Betäubung und stößt auf Schlafschwämme, Chloroform und einen Jahrmarktschausteller aus dem 19. Jahrhundert.

Dieser Podcast dreht sich um die größten medizinischen Errungenschaften – spannend erzählt von Schauspieler Ulrich Noethen. Neben Expertinnen und Experten lässt Noethen die Geschichte selbst zu Wort kommen. Reisen Sie mit uns durch die aufregende Geschichte der Medizin und genießen Sie ein ganz besonderes Hörerlebnis.

Alle 14 Tage erscheint es eine neue Folge. Haben Sie Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Transkript anzeigen

Als kleines Kind wurden mir die Mandeln entfernt. Das war damals ein Routineeingriff. Ich erinnere mich, wie man mich auf eine Art Barhocker setzte und mir für nach der Behandlung Eiscreme in Aussicht stellt. Die vorherrschende Farbe der Textilien im Raum war grün. Ob ich schon zählen könne und ich sollte doch mal bis zehn zählen. Und dann wurde mir ein ebenfalls grünes Stück Stoff vor den Mund und die Nase gehalten. Hat es stechend gerochen? Ich weiß es nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern. Auch nicht an das Brennen im Hals und das Gefühl von Kälte. Das Tränen der Augen. Es geht schnell. Das Abbild des Geschehens wird rauchig, körnig wie ein schlecht eingestellter Sender an einem alten Fernseher. Die Geräusche hallen dahin. Ein flirrendes, flatterndes Nichts setzt ein. Die Atmung ist rund. Das kindliche Wundern und die Angst werden löchrig, brüchig, nicht unangenehm. Es zerfällt einfach wie eine Sandburg am heißen Strand, lautlos und glitzernd.

Im Idealfall sind wir dann alle hier, in einem zeitlosen Nichts. Jedenfalls wenn sie gut funktioniert, die Anästhesie oder auch Narkose, die Betäubung eben. Tja ein Menschheitstraum wird wahr. Behandlungen, Operationen ohne Schmerzen und ohne die Angst vor den Schmerzen. Was für ein umstürzender, gewaltiger Sieg der Medizin

Siege der Medizin - Ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau.

Ich begrüße Sie zum Podcast der Apotheken Umschau über die Siege der Medizin. Mein Name ist Ulrich Noethen und ich freue mich, Sie auf dieser spannenden Reise zu den wichtigsten Errungenschaften der Heilkunde zu begleiten. Neben Expertinnen und Experten lassen wir die Geschichte und die Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, zu Wort kommen. Folgen Sie mir auf eine spannende Zeitreise zu bahnbrechenden Entdeckungen und den Menschen, die dahinterstehen. Klar, ich hatte etwas Angst vor dem grünen Lappen damals, aber es war nicht die Zeit, um zu diskutieren. Die entzündeten Mandeln mussten raus und irgendwann war ich wieder wach und die Prozedur glücklich überstanden. Und es gab, daran kann ich mich sehr genau erinnern, das versprochene Eis und alles war gut. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, fällt mir auf, allzu viel weiß ich nicht über Anästhesie. Das sollte man kaum für möglich halten, wo ich doch in der TV-Serie „Charité“ den berühmten Sauerbruch gespielt habe. Aber bitte, ich meine George Clooney und Brad Pitt können auch kein Casino ausräumen. Also ich kenne und schätze die Spritze beim Zahnarzt, aber ehrlich, dann wird es schon ziemlich dünn. Und darum lasse ich mir den Begriff Anästhesie jetzt erst einmal von jemandem erklären, der es wissen muss. „Also Anästhesie, das Wort an sich, kommt aus dem Griechischen und heißt zunächst mal - ohne Empfindung oder ohne Wahrnehmung. Das heißt, dass der Körper, in diesem Fall zum Beispiel Schmerzreize, nicht als Schmerzreize wahrnimmt. Das wäre die allgemeine Definition von Anästhesie.“ Das ist Professor Bernhard Zwißler und er begleitet uns durch diese Episode als Experte. Er ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. So mal weiter in der Definition.

„Jetzt gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, solche Wahrnehmungslosigkeit hervorzurufen. Das eine ist, indem man einfach die Nervenleitung blockiert von dem Ort der Schmerzentstehung, sagen wir mal einem Hautschnitt bei einer Operation zum Gehirn, indem man die Nerven der diese Nervenleitungen vornimmt, mit einem sogenannten Lokalanästhetikum blockiert. Das einzige was dann ausfällt, ist der Nerv. Der Mensch spürt dann nichts mehr, ist aber wach. Das würde man unter dem Oberbegriff einer Regionalanästhesie einordnen, weil eben nur Regionen des Körpers, sehr kleine, auch größere, schmerzunempfindlich gemacht werden. Davon zu unterscheiden ist die Wahrnehmungslosigkeit des Menschen dann, wenn er in eine Allgemeinanästhesie, häufig auch als Vollnarkose bezeichnet, versetzt wird. Er ist nicht mehr in der Lage, Signale von außen geregelt zu verarbeiten und damit wahrzunehmen. Und damit ist das Bewusstsein erloschen. Deswegen erinnert ein Patient sich in Narkose auch an nichts. Und deswegen empfindet er auch keine Schmerzen, wenn man auch noch Schmerzmittel dazugegeben hat, das ist schon wichtig.“

Okay, gut. Herr Professor Zwißler vermutet übrigens, dass mir damals als kleinem Jungen Äther als Kurzzeitanästhetikum verabreicht wurde, damals häufig, heute seltener; eines unter vielen Mitteln in der langen Geschichte der Betäubung von Schmerzen.

„Also in der in der vorindustriellen Zeit, und damit in der Zeit eigentlich vor der Einführung der wirklichen modernen Anästhesie, hat man schon viele Jahrhunderte lang Extrakte aus der Opium-Pflanze, das Morphin, verwendet. Das wusste man schon sehr lange und das ist auch effektiv. Dann gab es verschiedene Pflanzen, Bilsenkraut und Alraune, die alle Inhaltsstoffe haben, die man heute eigentlich als giftig bezeichnen würde und die man dem Patienten damals verabreicht hat, bis sie irgendwie das Bewusstsein verloren haben. Heute würde man das als Vergiftung bezeichnen.“

Die eher rustikale Anästhesie beginnt ja schon recht zeitig in der Menschheitsgeschichte. Das ist schriftlich und in Bildern teilweise überliefert aus der Antike. Dadurch ist uns heute klar, welches Wissen die ersten Hochkulturen schon ganz selbstverständlich im Alltag angewendet haben. Den Berufsstand Arzt nach heutiger Definition gab es damals noch nicht. Meist waren es die Männer und Frauen der Priesterkaste, die Zugang zum Wissen der Vorfahren hatten. Sicherlich besaß jedes Dorf seine eigene Heilerin, seinen Heiler. Aber systematisch schriftlich festgehalten und archiviert wurde das, was man an Erkenntnissen immer wieder dazugewinnen konnte, nur in den Tempeln. Hinzu kam natürlich auch noch der besonders gute Draht zu den jeweiligen Göttern. Schon im Alten Testament, im Buch Genesis, findet sich ein Hinweis darauf, dass in Narkose eingesetzt wurde, um schwere Verletzungen zu behandeln. In den Zivilisationen der Ägäis am Nil, am Indus mit ihren zehntausenden Menschen zählenden Metropolen herrschte reichlich Bedarf an der Heilkunst. Kriege, Scharmützel Seuchen ließen das Wissen und die Erfahrung steil ansteigen, auch wenn es darum ging, schmerzstillende pflanzliche Essenzen anzuwenden. Opium und Alkohol waren schon damals gängige Mittel, und mit denen war es bereits gelungen, schnell Schmerzen zu lindern oder das Bewusstsein gänzlich auszuschalten, mit allen einhergehenden Gefahren.

Doch nicht nur in der europäischen Antike machte die Medizin große Sprünge. Ohne den eurozentrisch verstellten Blick sehen wir auch, wie die ersten chinesischen Dynastien zeitgleich in der Heilkunde schnell vorankommen. Ähnlich wie die Hochkulturen Südamerikas, die später durch die von den Konquistadoren eingeschleppten Seuchen dahingerafft wurden. Die Vorläufer unserer europäischen Kultur und deren Medizin können wir uns vielleicht so vorstellen.

Wir befinden uns auf einem griechischen Eiland auf der Insel Kos, etwa 400 Jahre vor unserer Zeit. „Alexos legt den Riegel vor, ich will nicht, dass der Sturm die Tür aufschlägt und alles durcheinanderwirft.“ Hippokrates atmet tief durch und wischt sich die nassen Haare aus der Stirn. „Ah seid gegrüßt! Ja, ich brauch mehr Licht. Gibt's ja kein Licht?“ Zwei große Öllampen flackern auf und beleuchten die müden und besorgten Gesichter der großen Familie. „So, wo ist sie? Bringt mich zu ihr.“ Hippokrates hat keine Zeit zu verlieren, denn er weiß, wenn etwas gegen das Leben arbeitet, dann ist es die Zeit. Es ist ein Frühlingssturm, der über die Insel fegt. Mitten in der Nacht hat man ihn und seinen Gehilfen durch den strömenden Regen herbeigeholt. Aus Hippokrates Haren und seinem sorgfältig gestutzten Bart trieft das Wasser. Auch das Gewand unter dem Umhang ist nass geworden. Sicher scheint ihm an solchen Tagen nur, dass bald die lebendigste Zeit des Jahres kommen und er seinen Kräutergarten wieder blühen sehen wird. Die Frau liegt auf einer blutdurchtränkten Bettstatt, ringsum blutige Laken. Die Familie ist nicht arm, aber der Vorrat an sauberen Leintüchern ist aufgebraucht. Ein Geruch von Eisen liegt in der stickigen Luft. „Alexos, meine Tücher. Bring eine Schüssel mit kochendem Wasser! Mach schnell! Schlaf nicht ein!“

Hippokrates ist unzufrieden mit seinem jungen Assistenten. Er ist nicht gerade der Hellste und auch nicht der Schnellste. Aber das Schulgeld für ihn war so beträchtlich, dass Hippokrates nicht Nein sagen konnte. In der Ecke wiegt die Hebamme das neugeborene Kind im Arm und erzählt hastig, dass die Geburt eigentlich schnell ging. Es ist ja auch schon das dritte Kind der Hausherrin. Aber die Nachgeburt ist nicht vollständig herausgekommen und die Blutung will nicht aufhören. Sie hat es mit ihren Kräutern versucht. Aber jetzt weiß sie nicht mehr weiter. „Frau, Frau hörst du mich?“ Die Frau nickt mit einem tiefen, schweren Stöhnen. Die Zähne sind zusammengebissen, die Lippen weiß. Über den Hals, an dem die Sehnen hervortreten, laufen Rinnsale aus Schweiß. Hippokrates kann sich kaum vorstellen, was diese erfahrene Mutter, die schon einige Geburten durchgemacht hat, für Schmerzen haben muss, um so hart gegen die Wand zu schlagen, wie sie es jetzt tut. Fast ununterbrochen windet sie sich auf dem Bett. So wird er nicht arbeiten können. Sie muss ruhiger werden. Am besten wäre, sie würde schlafen. Alexos kommt mit dem Wasser. Eines der Kinder reicht Hippokrates einen Becher Wein, den er in einem Zug austrinkt. Das andere Kind will auch der Mutter Wein einflößen. „Nein, für die Mutter keinen Wein mein Kind, gib ihr frisches Regenwasser von draußen. Lauf! Stell‘ am besten alle Eimer und Schüsseln raus. Der Wein bringt das Blut nur noch mehr in Wallung. Er macht die Inneren heute dünn, läuft durch sie hindurch wie durch ein Sieb. Komm, gib her!“ Und er trinkt auch diesen Becher aus. Dann bittet er die Hausgemeinschaft, die Frau an Armen und Beinen niederzuhalten und ihren Kopf fest auf das Lager zu pressen. Er wäscht sich die Hände und wendet sich der Frau zu. Er reinigt ihren Schoß und stellt dann fest, dass es nicht einfach sein wird, die Ursache der Blutung zu beseitigen. Die Nachgeburt hat sich nicht richtig gelöst. Die Hebamme konnte sie ohne Hilfsmittel nicht erreichen. „Mehr kochendes Wasser!“

Er entnimmt seiner Tasche zwei eigenartig geformte lange Löffel, taucht sie in das erneuerte heiße Wasser und zählt langsam rückwärts. Dann trocknet er die Geräte mit seinem sauberen Tuch. Als er sich mit den abgekühlten Löffeln in der Hand der Frau auf dem Bett zuwendet, schreit diese entsetzt auf und reißt sich aus der Umklammerung. Alexos weicht einen Schritt zurück. Er ist auch ziemlich blass. Hippokrates seufzt. Aus dem wird nie ein Arzt, denkt er, soll er doch Politiker werden wie sein Vater und auf dem Versammlungsplatz herumflanieren. In seinen leeren Weinbecher gibt Hippokrates aus einer kleinen Phiole etwas Mohnsaft, verdünnt den mit dem heißen Wasser aus dem Krug und taucht zusätzlich klebrige Hanfblätter hinein. „Nicht zu viel von dem Mohn. Wir tasten uns hier Stück für Stück heran“, murmelt er bei sich. Zu oft hat er gesehen, wie das Atmen nach der Gabe von Mohn immer flacher wurde und so manches Mal auch ganz aufhörte. „Trink das Frau! Hier trink! Und du, mein Kind, du legst deine Hand auf die Brust deiner Mutter, und nach jedem dritten Schlag des Herzens schnalzt du mit der Zunge. So, ja, verstanden?“ Die älteste Tochter des Hauses nickt. Sie ist aufgeweckter als Alexos. Sie hat sofort begriffen und konzentriert sich auf den Herzschlag der Mutter. Und bald werden die Abstände zwischen den Schnalzern immer länger und gleichmäßiger. Die Frau schläft. Jetzt sind es nur wenige Handgriffe mit dem eigenartigen Besteck. Die Hebamme setzt prüfend die Nachgeburt zusammen; alles ist komplett. Hippokrates reinigt die Schlafende, das Bluten hat aufgehört. Und der Sturm vor dem Tor auch. „So, und wo ist der Wein?“

Vielleicht war es so oder zumindest so ähnlich. Die Antike war eine Zeit für neue, echte Erkenntnisse der Wissenschaft. Geradezu explosionsartig verbreiteten sich Schriften auf Ton, Papyrus oder Leinen in Eurasien und im Mittelmeerraum. Sozusagen ein erster Internet-Hype ohne Internet. Das hat nicht allen gefallen, denn mit Wissen und Kultur kamen auch neue monotheistische Lehren gewissermaßen als Trittbrettfahrer daher. Ganze Priestergenerationen samt ihren Tempeln werden nun hinweggefegt und ihr medizinisches Wissen dem Glauben untergeordnet. Auf die Antike folgt das Mittelalter.

„Im Mittelalter und auch davor wurde ja auch Kräuterextrakte verwendet, zum Teil um so anästhesieähnliche Zustände zu erzeugen. Das war nicht immer wohlgelitten von der Gesellschaft. Und diejenigen, die das getan haben, solche Extrakte zuzubereiten, wurden – das weiß man heute – sehr häufig der Hexerei bezichtigt und hatten dann nicht mehr lange zu leben. Der Grund war wahrscheinlich erstens, dass man nicht genau verstand, was die gemacht haben, aber wahrscheinlich auch, dass es zur damaligen Zeit einfach über die christliche Lehre der Kirche nicht geduldet war, Menschen Schmerz zu nehmen, weil Schmerzen als Teil des Menschseins empfunden wurden. Auch Jesus Christus hat Schmerzen gelitten und so weiter. Und es erschien damals offensichtlich aus der christlichen Lehre heraus verpönt und verboten, eben beim Menschen Schmerz zu lindern, weil Schmerz eine von Gott gegebene oder vielleicht auch als Bestrafung, wie auch immer, auferlegte Bürde war, die man nicht einfach außer Gefecht setzen durfte.“

Tja. Das qualvolle Leiden wäre demnach gottgewollt und wenn es gilt, Zähne zu brechen oder faulende Gliedmaßen zu entfernen, dann ist das Leiden entweder ein Vorgeschmack aufs Fegefeuer oder man wird im Himmel schon seinen gerechten Lohn dafür finden. Nun, diese Sichtweise hat sich bis heute hier und da gehalten. Bedauerlicherweise.

Jedenfalls passiert nun bis zu den zarten Trieben der Renaissance lange Zeit recht wenig oder sagen wir besser, es ist nicht allzu viel überliefert. Aber dann kommt wieder Bewegung in die Sache. Paracelsus, ein Alchemist und Arzt, hantiert mit diversen chemischen Verbindungen. Auch wenn es ihm maßgeblich darum geht, die Syphilis zu bekämpfen – vor allem seine eigene – beobachtet er doch auch die Entdeckungen seines Kollegen Valerius Cordus; und zwar hier den Äther und dessen narkotisierende Wirkung. Er schreibt das zwar ordentlich auf, aber er vergisst es wieder, nicht ahnend, dass er 300 Jahre später auf der anderen Seite des Atlantiks damit ein neues Zeitalter der Medizin lostreten wird. Aber ich greife vor nicht so schnell. Einige Etappen liegen noch dazwischen.

Eine Reise nach Japan steht an. „Oh, wie ich dieses Kaff hasse!“ Hanaoka rafft seine Yukata, klemmt seine Lackkiste mit den neuen chirurgischen Werkzeugen unter den Arm und eilt den Hügel zu seinem Haus am Rande von Hirayama empor. Seit er aus Kyoto zurück ist, kann sich der Arzt vor Gaffern und Bittstellern nicht retten. Er hat Monate dort studiert, auf eigene Kosten gelebt und hat dabei keineswegs an finanziellem Vermögen hinzugewonnen, sehr wohl aber an medizinischem. Als er beim Haus ankommt, sieht er seine Mutter und seine Frau Kae auf der Veranda sitzen und Bohnen schälen. Er schleudert seine Sandalen in die Ecke, grüßt beide kurz und spürt wieder diesen eigenartig liebevollen Blick aus den blinden Augen seiner Frau, während seine Mutter wie gewöhnlich mürrisch schweigt.

Und während er drinnen die Lackkiste öffnet und sich über die neuen Messer und Schäler beugt, die bald zum Einsatz kommen werden, schämt er sich wieder tief und schmerzlich für seine Überheblichkeit, die seiner Frau das Augenlicht genommen hat. Die europäischen Schlafschwämme hatten sehr gut mit seiner Alraunen-Mixtinktur harmoniert. Kae hatte fest geschlafen. Ihre Atmung war ruhig und tief. Er stach ihr beherzt mehrfach mit der langen Nadel in den Unterarm, so wie sie es verabredet hatten. Sie zeigte keine Regung. Als sie ein paar Stunden später erwachte, war ihre Welt eine dunkle geworden. Sie hat ihn nicht einmal dafür angeklagt, nichts. Kein Fluch, kein böses Wort. Heute weiß er, was falsch war an der Mixtur. Die letzten Versuche mit Hunden und Katzen ließen keine blinden Tiere zurück. Und Kae assistiert ihm einfach weiter, bringt Tee und Reisgebäck, hält die Hand seiner Patientinnen. Und so wird es auch morgen früh sein, wenn er die wichtigste Operation seines Lebens unternehmen wird.

Am Morgen des nächsten Tages, dem 13. Oktober 1804, führt Hanaoka Seishū erfolgreich die erste belegte Mastektomie unter einer Allgemeinanästhesie durch. Die von ihm bei dieser Brustkrebsoperation eingesetzte Tinktur nennt er Tsūsensan, eine Mischung aus Alraune, Stechapfel und anderen alkaloidhaltigen Gewächsen. Die Flüssigkeit kann getrunken oder über einen damit getränkten Schwamm über die Schleimhäute beim Atmen aufgenommen werden. Der 60-jährigen Patientin geht es danach gut. So gut, dass Hanaoka Seishū in den folgenden Jahren weitere 150 Operationen durchführen wird. Und wenn er auch heute eine Berühmtheit ist in Japan, wenn nicht sogar weltweit, so gelangte doch damals sein Wissen nicht nach Europa. Japan fuhr einen hart isolationistischen Kurs, der das Land vom Rest der Welt abtrennte.

Und deshalb blieb dann auch dem napoleonischen Feldchirurgen Dominique Jean Larrey auf der anderen Seite der Welt nur, das Eis von den winterlichen Schlachtfeldern Preußens zu klauben, um die zu amputierenden Gliedmaßen der von Artilleriesplittern verletzten Soldaten so herunter zu kühlen, dass der jeweilige Unglückliche das Sägen und Brechen in seinen Knochen nicht mehr spürte. Eine ziemlich saisonale Anästhesie neben dem Klassiker, wie Professor Zwißler erklärt.

„In der Feldchirurgie was immer gemacht wurde, war, dass man Patienten damals so gut es eben ging, versucht hat mit Alkohol zu betäuben. Rustikal war bei der Gelegenheit dann sicherlich auch, dass man dem Patienten irgendetwas gab, um darauf zu beißen, Holzkeile. Ich habe tatsächlich, allerdings auch nur der Literatur entnommen, dass man versucht hat, auch Patient das Bewusstsein zu nehmen, indem man ihn auf den Kopf geschlagen hat, um sie bewusstlos zu machen. Was aber natürlich dann seinerseits mit Gehirnerschütterungen, Hirnblutungen, Schädelbrüchen und allen möglichen Dingen einherging. Und dann war die Operation gelungen, aber der Patient tot, und zwar aufgrund dieser rustikalen Methode der Holzhammer-Anästhesie. Relativ früh, schon im Mittelalter, kam die Erkenntnis auf, dass mit Eiskühlung – da, wo es Eis gab, natürlich nur in kalten Regionen – dass man damit Schmerzen beseitigen kann. Und das wurde auch genutzt.“

Es wurde langsam wirklich, wirklich Zeit für bessere Methoden. Und tatsächlich es kamen bessere Methoden, wobei durchaus auch eigenartige dabei waren. Hypnose und Mesmerismus. Schon mal gehört? Ja, gut.

„Im 18. Jahrhundert, auch Anfang 19. Jahrhundert gab es eine Richtung, die von einem Herrn Mesmer damals propagiert wurde, der die These vertrat, dass man über Magnetismus Schmerzen verhindern könnte. Das hat natürlich nicht funktioniert mit dem Magnetismus. Aber in den Beschreibungen, die es gibt aus dieser Zeit, da hat man gesehen, dass letztlich damals schon mit Suggestion gearbeitet wurde, durchaus auch erfolgreich. Und diese Phase hat dann jäh ein Ende gefunden als die ersten effektiven Anästhetika, Äther oder Chloroform oder Lachgas, quasi ihren Aufschwung genommen haben. Und man sah, dass man mit diesen Medikamenten denselben Effekt schneller, vielleicht auch etwas reproduzierbarer und sicherer hervorrufen kann als durch Suggestion.“

Äther, den Begriff, das Wort habe ich schon oft gehört, aber was ist das eigentlich für ein Zeug? Ein Laie wie ich schaut dann gerne mal bei Wikipedia rein und da heißt es, Zitat. „Äther oder korrekter Diethylether ist bei Raumtemperatur eine farblose, leicht flüchtige und hoch entzündliche Flüssigkeit. Davon abgesehen aber sehr reaktionsträge. Seine Dämpfe sind schwerer als Luft. Das Inhalieren der Dämpfe ruft in geringen Dosen rauschhafte Zustände mit starker emotionaler Erregung, veränderter Bewusstseinswahrnehmung und wirren psychotisch anmutenden Gedankengängen hervor. Auch sehr unangenehme, teils traumatisierende Angstzustände sind nicht selten. Bei höheren Dosierungen tritt der Konsument in einen apathischen Zustand über, indem er nicht mehr ansprechbar ist - die Narkotisierung.“

Aber vor dem Äther war das Lachgas. Ich ziehe nochmals Wikipedia zurate, sorry. Zitat - „Distickstoffmonoxid, allgemein bekannt unter dem trivialen Namen Lachgas, ist ein farbloses Gas aus der Gruppe der Stickoxide. Es heißt Lachgas, weil es eingeatmet eine leichte Euphorie auslöst und in höheren Konzentrationen narkotisierend wirkt.“

Aber Chemie mal beiseite, in Geschichte war ich besser. Springen wir also ins Jahr 1840 nach Connecticut zu einer Geschichte über ein Joint Venture zwischen einem Zahnarzt und einem Jahrmarktschausteller. „Schau mal Horace die Gänse sind hiergeblieben.“ „Oh Gott, das sind wirklich dumme Gänse.“ Elizabeth lacht hell auf, während sie sich eng bei ihrem Mann unterhakt, um an seiner Seite etwas mehr Schutz vor der bitteren Dezemberkälte zu finden. Horace Wells, ein junger Dentist aus Hartford kennt sich nicht sehr gut aus mit Wildgänsen. Aber so dumm sind die schönen Tiere vielleicht gar nicht. Für einen so kleinen Schwarm wird es hier vermutlich immer genug Futter geben. Wenn es so etwas wie einen Leitvogel gibt, hat der vielleicht den Sommer über genau beobachtet, wie sich seine weißen Artgenossen vom Menschen dick und fett füttern ließen. Beobachten, einschätzen, Entscheidungen treffen. Und genau das musste Wells nach diesem verrückten Nachmittag auf dem Jahrmarkt jetzt auch. „Lissy, dieser Mann hat wirklich nicht gemerkt, dass sein ganzes Schienbein aufgerissen war. Der ist einfach weitergetrampelt. Es muss an der Dosierung liegen, denn er hatte die ganze Blase mit dem Gas in einem Zug geleert.“

Ja, das war ein amüsanter Tag, dieser 10. Dezember 1844. So kurz vor Weihnachten ist eigentlich nicht viel los in Hartford. In Hartford ist nie viel los. Jedoch der Studienabbrecher und Schausteller Gardner Colton hatte für ein paar Nickel Lederblasen mit Lachgas an das zahlreiche Publikum in der City Hall verteilt. Und manche konnten offensichtlich nicht genug von dem Gas bekommen, das in Kopf und Bauch so prickelte. Die Leute taumelten im Saal herum, sie sangen und lachten. Manche wirkten betrunken und kippten einfach feixend um. Ein Schauspiel für die Einfältigen, für Horace aber die Bestätigung einer Vermutung. „Ich glaube, ich werde viel von diesem Lachgas brauchen, Lissy. Ich habe eine Idee.“

Horace Wells, gerade mal 29 Jahre alt, weiß im Prinzip längst über Lachgas Bescheid. Ja es wird sogar schon seit einiger Zeit zur Milderung von Zahnschmerzen eingesetzt. Aber es ist nicht überall zu bekommen. Und abgesehen davon, in seiner Zunft gilt es als ausgemacht, dass der Patient den Schmerz auszuhalten hat. Wenn man aber nun die richtige Dosis und Konzentration herausfinden könnte, würde das den Zahnarztjob doch für beide Seiten angenehmer machen. Als Elizabeth und Horace an ihrem Haus ankommen, fliegen die Gänse davon. Vielleicht haben sie es sich anders überlegt, denkt Horace noch, und beißt sich dann auf seinen seit Wochen übel entzündeten und ständig furchtbar schmerzenden Backenzahn. „Ah, dich mein Freundchen, bin ich morgen los.“ Der Schausteller Colton staunt nicht schlecht, als Horace ihm am nächsten Tag einen Großteil seiner mit Lachgas gefüllten Lederblasen abkauft. Horace will noch Genaueres zur Konzentration des Gases wissen, bedankt sich und will dann schleunigst zurück in seine Praxis. Doch Colton ist neugierig und er besteht darauf, den jungen Zahnarzt zu begleiten. Horace Wells ist einverstanden. Vielleicht kann er ihm ja sogar helfen. „Okay John, du machst das“, sagt Horace Wells eine gute Stunde später zu seinem Freund und Kollegen John Riggs, der schüttelt verunsichert den Kopf. Normalerweise bereitet er ab und zu die Behandlungen zusammen mit Elizabeth vor. Aber er hat noch nie allein einen Zahn gezogen und schon gar nicht den Zahn eines Freundes. Horace beruhigt ihn. „Keine Sorge, du schaffst das. Ich werde ein sehr braver Patient sein.“ Dann legt er sich auf den verstellbaren Behandlungstisch. „Mister Colton, das Lachgas bitte!“

Tief atmet der junge Dentist das Gas durch den Mund ein und durch die Nase wieder aus. Kleine Dampfwölkchen entstehen, weil die kalte Winterluft durch das offene Fenster in den Raum strömt. Horace spürt zwar ein Kribbeln in Kopf und Bauch, doch auch immer noch den entzündeten Weisheitszahn im Oberkiefer. Noch ein Zug. Das Ziehen wird zu einem dumpfen Pochen. Und dann ist es einfach weg. Noch einen klitzekleinen Zug. „Ja John, los geht's. Nimm die gekröpfte Zange. Elizabeth, ein Tuch bitte, und die Spuckschale!“ Erst ist John zu zaghaft, doch dann legt er sich mächtig ins Zeug und trotz der Kälte im Raum schwitzt er Hemd und Weste komplett durch. Gardner Colton steht belustigt mit verschränkten Armen neben der Vitrine mit dem Lachgas. Der Zahn sitzt sehr fest. John Riggs hebelt und flucht dabei leise. Horace arbeitet mit den Nackenmuskeln und spürt nur ein leichtes Ziehen. Dann ein lauter Knacks und der Zahn landet klappernd in der Schüssel. Die tiefe schwarze Karies ist sehr gut zu erkennen. Horace spuckt lachend Blut in den Napf. „Meine Damen und Herren, lieber verfluchter Backenzahn“, hebt er mit geschwollener Zunge lallend an. „dieser Tag verändert die Medizin für immer!“

In den nächsten Tagen ist Horace Wells sehr fleißig und zieht einer sehr zufriedenen Kundschaft Dutzende von Zähnen. Der Schausteller Gardner Colton hilft ihm bei der Dosierung. Horace fühlt sich beflügelt und reist 1845 nach Boston zum Massachusetts General Hospital der Harvard-Universität. Vor Studenten will er seine schmerzlose Extraktion demonstrieren. Der Patient bei der Vorführung ist aber ein fetter Säufer. Die für ihn zu geringe Dosis wirkt nicht und er brüllt vor Schmerzen. Horace Wells wird ausgebuht und als Schwindler bezeichnet.

„Er war ohne Zweifel ein Pionier. Er hat jedenfalls den Versuch unternommen, ein Medikament, welches wirksam ist, wenn man es richtig anwendet und wenn man seine Grenzen kennt, in die Anästhesie, die es damals ja noch gar nicht gab, einzuführen, also als Anästhetikum zu etablieren. Und die äußeren Rahmenbedingungen seines, in Anführungszeichen, Versuchs-Set-ups waren allerdings so unglücklich gewählt, dass das Ganze gescheitert ist. Das heißt, Horace Wells war ein Pionier. Er hatte aber Pech. Er hätte ein ganz Großer werden können, wenn er Glück gehabt hätte. So ähnlich wie eben William Morton vier Jahre später, der mit Äther seinerzeit Glück hatte.“

Der Ex-Teilhaber von Horace Wells, der Zahnarzt William Thomas Green Morton, der mit ihm bis 1843 zusammengearbeitet hatte, geht einen neuen Weg. Er präsentiert am 16. Oktober 1846 die Äthernarkose und entfernt an diesem Tag im Auditorium dergleichen Medical School des General Hospitals in Boston erfolgreich einen Tumor am Hals eines Patienten. Das Fachpublikum ist begeistert und es beginnt ein wahrer Run auf Ätherinhalatoren. Morton geht mit diesem als Äther-Tag getauften Ereignis in die Medizingeschichte ein.

„Die Berichte damals sagen, dass der Patient von Morton sich durchaus bewegt hat, während der Operation, auch gegrummelt hat, scheinbar auch eine Art Schmerzäußerung getan hat. Aber der Chirurg konnte diesen kleinen Tumor in wenigen Minuten aus dem Hals schneiden, war zufrieden und hat dann gesagt. ‚Das war kein Humbug, das war gut.‘ Und damit war es gut. Und das ist jetzt der Beginn der modernen Anästhesie. Das Ganze wurde auch publiziert, das ist ganz wichtig, in einem wissenschaftlichen Journal, im New England Journal of Medicine, diese erste Äther-Narkose von Morton. Und deswegen hat er den Ruhm sich sozusagen genommen. Ganz interessant ist vielleicht auch, dass in der mittlerweile langen Geschichte des New England Journal of Medicine, eines der bedeutendsten Medizinjournale, die wir auch heute noch haben, das von der Leserschaft dieses Journals, diese Publikation 1846 bis heute als die bedeutendste Veröffentlichung – und es hat viele wichtige Veröffentlichungen in diesem Journal gegeben seither in den zurückliegenden 200 Jahren der Geschichte – gilt.“

Horace Wells war damals zwar angezählt, aber nicht k. o. Er experimentierte weiter, jetzt in New York mit Lachgas, Äther und Chloroform. Von letzterem wird er abhängig. Deprimiert und voller Heimweh und der Sehnsucht nach Sohn und Ehefrau, rastet er im Rausch an seinem 33. Geburtstag komplett aus. Er verletzt dabei zwei Frauen mit Säure. Im Gefängnis sieht er sein Lebenswerk zerstört und fasst einen letzten verzweifelten Entschluss. Unter einer Chloroformnarkose öffnet er sich die Adern an den Unterschenkeln und verblutet.

Jetzt können wir uns natürlich fragen, wie kommt er im Gefängnis an Skalpell und Chloroform, aber das wäre ein weiterer True Crime Podcast. Sein Rivale Morton jedoch kann ihm den Ruhm nicht dauerhaft nehmen. Heute gilt Horace Wells trotz Mortons Erfolg als der Arzt mit der ersten erfolgreichen Durchführung einer modernen Anästhesie. Wie ging es weiter? Professor Zwißler von der LMU in München zeigt noch einen Punkt auf.

„Ich meine, es gibt viele Details und immer Weiterentwicklungen, die mit Jahreszahlen hinterlegt sind. Vielleicht wichtig zu erwähnen ist, dass, wenn man jetzt mal absieht von der Erstbeschreibung der Äthernarkose, die in den USA stattgefunden hat, in Boston 1846, dass wesentliche Entwicklungen der modernen Anästhesie tatsächlich in Europa und auch namentlich in Deutschland stattgefunden haben. Ganz viele der Medikamente in den 30ger, 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die dann zur Narkose eingesetzt wurden, wurden tatsächlich von deutschen Wissenschaftlern synthetisiert, erfunden ersonnen. Also Deutschland hat durchaus einen erheblichen Anteil an der Weiterentwicklung der modernen Anästhesie im vergangenen Jahrhundert gehabt.“

Es ist Zeit, in die Gegenwart zurückzukommen. Ich will von Professor Zwißler wissen, wie eine moderne Anästhesie abläuft und wo die Herausforderungen liegen. Nachdem, was ich so mitbekomme, ist die Anästhesie heute eine eigene medizinwissenschaftliche Disziplin. Im Alltag von Krankenhäusern und Arztpraxen zählt aber neben der Wissenschaft auch die Intuition und Menschenkenntnis der Ärztinnen und Ärzte.

„Also nachdem der Patient eingewilligt hat und aufgeklärt wurde über das Verfahren an sich, ist der Gang der Dinge eigentlich der, dass Patienten vor einer Vollnarkose zunächst einmal mit dem üblichen Überwachungsgeräten verbunden werden. Das ist klassischerweise ein EKG, ein Blutdruck-Messgerät und eine Sauerstoffsättigungsmessung. Einfach um sicherzustellen, dass während des weiteren Verlaufs der Anästhesie hier die Vitalfunktionen, das heißt die Lebensfunktionen des Patienten, alle in Ordnung sind. Sobald das geschehen ist, wird dem Patienten in der Regel eine intravenöse Kanüle gelegt und dann das erste Medikament, das ist meistens ein stark wirksames Opioid gespritzt, das gefolgt ist von einem Narkotikum, das ist heute sehr häufig das Medikament Propofol. Dann schlafen die Patienten innerhalb weniger Minuten ein. Sobald sie eingeschlafen sind, hören sie auch – das ist eine Nebenwirkung der Medikamente, die wir allgemein für Narkose, verwenden – auf, selbstständig zu atmen. Das heißt, der Patient würde in einem solchen Zustand ersticken, wenn man nichts tun würde. Das heißt, der Anästhesist beginnt dann, nachdem der Patient das Bewusstsein verloren hat, mit einer Maske dem Patienten zu beatmen und dann die Atemwege zu sichern, so nennt man das. Das geschieht entweder, indem man einen Atemschlauch in die Luftröhre einlegt oder eine sogenannte Larynxmaske in den Mund platziert, über die dann auch eine Beatmung durch ein Beatmungsgerät erfolgen kann. Und diese Beatmung wird aufrechterhalten, solange die Narkosemittel gegeben werden. Also solange die Operation andauert. Und wenn die Operation zu Ende ist, dann wacht der Patient auf, atmet wieder selbstständig und dann kann man das alles wieder entfernen.“

Das war nun einiges über die Vergangenheit und die Gegenwart. Nun möchte ich aber doch zu gerne noch fachlich spekulieren lassen, was die Zukunft bringt.

„Die Zukunft der Anästhesie, ich glaube, da muss man mehrere Aspekte trennen. Ich denke schon, auch wenn wir mittlerweile gute Medikamente haben, dass es noch Raum für Verbesserungen gibt. Zum Beispiel wird geforscht an Opioiden. Das sind diese stark wirksamen Schmerzmittel, die allerdings Nebenwirkungen haben, nämlich, dass sie zum Beispiel die Atmung beeinträchtigen. Und da gibt es erste vielversprechende Hinweise, dass es vielleicht in nicht allzu langer Zeit Opioide geben könnte, die eben diese Atemwegsdepressionen nicht machen. Also Medikamente werden sich weiterentwickeln. Ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir zukünftig mit Hilfe der künstlichen Intelligenz Überwachungsgeräte haben werden, zum Beispiel des Blutdrucks, der Sauerstoffsättigung der CO2-Spannung im Blut und so weiter, die uns nicht erst in dem Moment, wo die Werte gefährlich werden, sagen ‚Jetzt ist der Wert gefährlich‘; das können sie jetzt auch schon. Sondern dass wir Monitore haben werden, die uns 5, 10 oder 15 Minuten vorher, wo alles noch normal scheint, sagen, dass auf dem Boden der ganzen internen Daten aus vielen 100.000 Patientennarkosen das System weiß ‚Das geht in die falsche Richtung. Und in 10 Minuten werden wir, wenn wir nichts tun, unter Umständen in einer Katastrophe landen, schwerste Blutdruckabfälle, Sauerstoffsättigungsabfälle und so weiter‘. Was es erlaubt natürlich für den Anästhesisten das zu antizipieren und, schon bevor es überhaupt eintritt, dagegen anzugehen. Das wird, glaube ich, ein großes Feld sein.“

In Zukunft werden wir also den Schmerz, das Bewusstsein, die Körperchemie mit ihren Rezeptoren und somit den Informationstransfer in den Nerven noch besser verstehen. Für Hippokrates und Hanaoka und für Millionen Kranke und Verletzte in der Geschichte der Menschheit wäre aber schon das, was wir heute täglich nutzen, ein Segen und eine Offenbarung gewesen. Ja, und solange es für die Kinder danach ein Eis geben kann, wird mit dem Wort Anästhesie eine gute Erinnerung verbunden sein wie für mich.

Ich danke allen, die zugehört haben und ganz besonders danke ich Professor Zwißler für die fachliche Unterstützung. Ich würde mich freuen, wenn Sie, wenn ihr, wenn du auch bei unserer nächsten Zeitreise dabei wärt. Dann tauchen wir ein in die abenteuerliche Geschichte der Antibiotika.

Bis bald bei „Siege der Medizin“. Bleiben Sie gesund und neugierig! Ihr Ulrich Noethen

Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Executive Producers Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück – Faktencheck Dr. Martin Allwang – Autoren Lutz Neumann, Volker Strübing – Interviews Simone Terbrack, Lutz Neumann – Musik Johannes Kornelius – Produktion Philipp Klauer, Felix Stäblein – Recherche und Unterstützung Carsten Weichelt, Elena Urban, Alexander Weller – Projektleitung Sven Rühlicke, Ruben Schulze-Fröhlich – Produziert von den Wake Word Studios in München.

Kommentare (2)

Abk

Super Podcast! Macht süchtig - volle Punktzahl!

bibi

Unglaublich spannend erzählt!

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulares stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere Personenbezogene Daten. Die Nutzung von deinem echten Namen ist freiwillig.