Die Reise ins Ich: Wilhelm Conrad Röntgen erfindet die X-Strahlen

Shownotes

Der Blick in den Körper auf das Skelett – eine Sensation. Als die Röntgenstrahlen entdeckt wurden, ist ein regelrechter Hype ausgebrochen. Nicht zuletzt deshalb, weil Wilhelm Conrad Röntgen seine Erfindung nicht patentieren ließ. Bis heute wird dieses Verfahren in Praxen und Krankenhäusern verwendet, um Verletzungen zu untersuchen oder Krankheiten zu erkennen. Erzähler Ulrich Noethen nimmt Sie mit auf eine Zeitreise zu den Ursprüngen der X-Strahlen.

Experte in dieser Folge: Prof. Dr. Meinrad Beer. Mehr Infos: https://www.uniklinik-ulm.de/radiologie-diagnostische-und-interventionelle/team/prof-dr-m-beer.html

Dieser Podcast dreht sich um die größten medizinischen Errungenschaften – spannend erzählt von Schauspieler Ulrich Noethen. Neben Expertinnen und Experten lässt Noethen die Geschichte selbst zu Wort kommen. Reisen Sie mit uns durch die aufregende Geschichte der Medizin und genießen Sie ein ganz besonderes Hörerlebnis.

Alle 14 Tage erscheint eine neue Folge. Haben Sie Anregungen oder Kritik? Dann schreiben Sie uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Transkript anzeigen

Kennen Sie den Film „Sindbads siebente Reise“ aus dem Jahr 1958? Nein? Also es gibt da eine legendäre Sequenz, in der sich Sindbad einen Fechtkampf mit einem Skelett liefert. Wenn man sich das heute anschaut, ja, es ist immer noch beeindruckend, vor allem, wenn man sich überlegt, dass das Skelett, gegen das er da kämpft, ein 30 Zentimeter großes Modell ist, das im Stop-Motion-Verfahren Bild für Bild per Hand bewegt, abfotografiert und in die vorher abgedrehte Spielszene einkopiert wurde. Es kommt natürlich nicht an heutige Special Effects heran, die im Vergleich dazu fast mit links am Computer erstellt wurden. Aber die Szene hat ihren ganz eigenen Charme und sie reichte auf jeden Fall, um mich gehörig zu erschrecken, als ich den Film mit 10 oder 11 Jahren das erste Mal sah. Ein Skelett, huh. Ja, damals hatte man noch Angst vor Gerippen, wie wir sie nannten, und Totenköpfe waren noch etwas Gruseliges und kein bis zum Überdruss vermarktetes Modeaccessoire. Und dann, ich weiß wirklich nicht mehr, ob es vor oder nach Sindbad war, kurvten ein paar Freunde und ich mit unseren Fahrrädern herum, spielten unseren eigenen Action-Film, indem wir uns in waghalsigen Manövern schnitten und vom Weg abzudrängen versuchten, mit allem, was dazugehört. Lenker hochreißen, laute Schreie, höhnisches Gelächter, Drohungen und natürlich die obligatorischen Motorengeräusche und das Bremsengequietsche. Und ich meine, ich stellte in Sachen Special Effects alle meine Kumpels in den Schatten. Als ich schließlich einen Bordstein rammte und einen Stunt hinlegte, der Colt Seavers vor Neid hätte erblassen lassen. Na gut, möglicherweise übertreibe ich ein bisschen. Und in der Erinnerung werden manche Sachen etwas größer und spektakulärer als in Wirklichkeit. Fakt ist jedenfalls, dass ich mir den Lenker in den Brustkorb rammte. Danach war ich kein Actionheld mehr, sondern ein Häufchen Elend, das kaum Luft zu holen wagte, da jeder Atemzug höllisch weh tat. Und so kam ich zu meinem ersten richtig schönen Röntgenbild und sah das Skelett in mir. Das Gerippe. Theoretisch wusste ich natürlich, dass so ein Ding wie das, welches Sindbad so zu schaffen gemacht hatte, auch in mir drinsteckte, dass unter meinem Kindergesicht ein Totenkopf lauerte. Aber ehrlich, die meisten von uns identifizieren sich doch eher mit dem, was sie im Spiegel sehen als mit den unheimlichen Dingen, die unter der Oberfläche lauern, oder? Ich jedenfalls fand es unheimlich, aber auch extrem faszinierend.

Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Ich begrüße Sie zum Podcast der Apotheken Umschau über die Siege der Medizin. Mein Name ist Ulrich Noethen und ich freue mich, Sie auf dieser spannenden Reise zu den wichtigsten Errungenschaften der Heilkunde zu begleiten. Neben Expertinnen und Experten lassen wir die Geschichte und die Geschichten, wie wir sie uns vorstellen, zu Wort kommen. Folgen Sie mir auf eine weitere spannende Zeitreise zu bahnbrechenden Entdeckungen und den Menschen, die dahinterstehen.

Folge 3 Die Reise ins Ich. Wilhelm Conrad Röntgen erfindet die X-Strahlen

Unsere jüngeren Zuhörerinnen und Zuhörer kennen Röntgenbilder als Image-Dateien auf dem Monitor des Arztes, aber damals hielt man ein echtes Bild in den Händen, ein überdimensionales Negativ mit einem Abbildungsmaßstab von 1 zu 1. Eine ziemlich dicke, dunkelblaue, fast schwarze Folie, auf der sich hellblau die Knochen abzeichneten und ganz schemenhaft die Umrisse meiner Brust und der Dinge, die sonst noch in ihr steckten. Wenn man sie an einer Ecke festhielt und damit herumwackelte, dann machte sie Geräusche, die wie leises Donnern klangen. Wie so vieles in der prädigitalen Zeit wirkte es realer, greifbarer im wahrsten Sinne des Wortes.

„Eine Menge hat sich getan. Das ist eigentlich unglaublich, was sich in den 25 Jahren – ich habe 1995 angefangen mit der Radiologieausbildung – sich getan hat.“

Das ist Professor Dr. Meinrad Beer, Direktor der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik Ulm. Er wird uns durch diese Folge begleiten und mit uns das Thema Röntgen, haha, durchleuchten.

„Damals war die Radiologie nicht digital. Das heißt, es waren die Röntgenaufnahmen in Tüten drin, die Befunde waren in Taschen, das Ganze war separiert. Zum Beispiel im Nachtdienst. Wenn ich ein Röntgenbild befunden musste im Nachtdienst bin ich, da war ich allein teilweise, erst mal eine Art Wendeltreppe runtergegangen in ein Archiv, man kennt es jetzt von Birthler-Behörde oder so mit diesen großen Rädern dran. Habe nach dem Geburtsdatum von Patienten gesucht, ob es da Voraufnahme gibt. Hab mir dann im anderen Bereich dieses Täschchen mit den Befunden gesucht und hab dann selber einen handschriftlichen Befund mit Durchschlag, richtig Carbon Copy, wie es früher war, produziert. Und das wurde dann der Schwester, dem Pfleger, dem Patienten, wenn er selber laufen konnte, in die Hand gedrückt. Das heißt, der zuweisende Arzt, die Ärztin, die behandelnde Ärztin, die hat nur meinen Befund gesehen, die musste mir absolut glauben und vertrauen. Das Bild war ja in der Radiologie. Ab und zu haben wir die Bilder gezeigt. Wir hatten dazu sogenannte Alternatoren, wo wir 24 Röntgenbilder reinhängen konnten, dann war das auch schon befüllt und wir mussten es händisch wieder neu befüllen. Der Sprung war dann ungefähr 10 Jahre später durch die Digitalisierung. Das kennen wir jetzt ja auch im privaten Bereich. Vor knapp 20 Jahren war das eine Revolution.“

Bevor wir aber in die Gegenwart und die Zukunft springen, schauen wir noch ein Stückchen weiter zurück, ganz an den Anfang der Geschichte des Röntgens ins Jahr 1895. Und auf dem Weg dorthin mache ich noch mal kurz Anfang der 70er Jahre halt und schaue auf mein Röntgenbild von damals. Zum Glück ist nichts gebrochen, nur eine tüchtige Rippenprellung habe ich mir eingefangen und ich kann eine Weile keine Fahrrad-Stunts mehr machen, und noch schlimmer nicht richtig lachen. Und weiter geht es zurück, noch mal 80 Jahre bis zum 8. November 1895.

Seit Stunden ist es still im Physikalischen Institut der Universität Würzburg. Der 8. November 1895 ist ein Freitag. Angestellte und Dozenten der Universität sind daheim bei ihren Familien. Die Studenten drängen sich in den zahlreichen Kneipen der Innenstadt, um zu trinken, sich zu prügeln und bis spät in die Nacht über wissenschaftliche Durchbrüche, technische Neuerungen, Politik, Philosophie und das Dekolleté der Kellnerin zu diskutieren. Es ist eine aufregende Zeit voller Dinge, die 100 Jahre zuvor noch wie ein Märchen geklungen hätten. Die ersten Kraftfahrzeuge rumpeln durch die Gassen und erschrecken, von ein paar Hunden und Hühnern abgesehen, kaum noch jemand. Im Handumdrehen transportieren Unterseekabel telegraphisch Nachrichten über den Atlantik. Das Telefonnetz wird ausgebaut und veranlasst so manchen Gelehrten zu der Warnung, dass bald niemand mehr das Haus verlassen und der zwischenmenschliche Kontakt aussterben werde. Die Fotografie ist gerade erst Alltag geworden und schon kommt die nächste Sensation. Gerade eine Woche zuvor, am 1. November 1895, fand in Berlin die erste öffentliche Filmvorführung der Welt statt, und die Gemüter erhitzen sich an der Frage, ob das eine Spielerei oder der Beginn einer Revolution sei. Bei dem, was an diesem Abend im Physikalischen Institut am Pleicherring 8 entdeckt wird, ist die Antwort klar.

Wilhelm Conrad Röntgens Labor liegt im Erdgeschoss des Instituts. Als dessen Leiter steht ihm eine Wohnung im selben Gebäude direkt über dem Labor zu, die er mit seiner Frau Anna Bertha Röntgen, geborene Ludwig, bewohnt. Röntgen zieht an diesem Abend die schweren Vorhänge zu und kehrt zu seinem Experimentiertisch zurück. Ein mit einer großen Batterie verbundener Funkeninduktor schickt Wechselstromstöße in eine Kathodenröhre, eine bis auf ein Millionstel des atmosphärischen Drucks leer gepumpt Glasröhre. Röntgen löscht das letzte Licht im Raum, die elektrische Lampe auf dem Schreibtisch, und steht nun in scheinbar absoluter Dunkelheit. Doch schon nach wenigen Augenblicken haben sich seine Pupillen an die Dunkelheit gewöhnt und Röntgen sieht ein grünliches Leuchten, das von der Röhre ausgeht. Es reicht nicht aus, um den Raum zu erhellen, es ist eher ein Schimmern als ein Licht, aber dennoch unübersehbar. Er hat nichts anderes erwartet. Zahlreiche Forscher vor ihm haben dieses Leuchten beobachtet und das Phänomen einer Kathodenstrahlung zugeschrieben, die seit Jahren weltweit systematisch erforscht wird. Röntgen plant eine ganze Reihe eigener Experimente mit der Kathodenstrahlöhre. Er ist mit seinem ersten Test zufrieden. Plötzlich stutzt er. Im Augenwinkel bemerkt er, ja was? Ist da etwa noch ein Leuchten? Ja, eindeutig. Der in ein Stativ eingespannte und mit einer hauchdünnen fluoreszierenden Schicht überzogene Metallschirm am anderen Ende des Tisches schimmert ebenfalls schwach. Röntgen schaut zwischen Kathodenstrahlröhre und dem Schirm hin und her. Er reibt sich die Augen, weil er befürchtet, einer Täuschung aufzusitzen. Danach tanzen ein paar Sekunden bunte Flecken vor seinen Augen. Doch als er wieder klarer sieht, ist das Schimmern noch immer vorhanden. Der Abstand zwischen Röhre und Platte beträgt mindestens einen Meter. Können die Kathodenstrahlen die Ursache sein? Es ist bekannt, dass sie Lumineszenz hervorrufen können, doch ihre Wirkung verliert sich wenige Zentimeter außerhalb der Röhre. Röntgen tastet sich zum Fenster, zieht die Vorhänge auf und dreht sich um. Das Licht der Gaslaternen draußen auf der Straße hat das geisterhafte Leuchten auf seinem Schreibtisch ausgelöscht. Röntgen überlegt einen Moment, dann zieht er aus einer Schublade einen Bogen schwarzes Kartonpapier, umwickelt damit die Kathodenröhre, befestigt den Karton mit einer Klammer und wiederholt das Experiment. Als sich seine Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnt haben, atmet er tief ein. Die Kathodenröhre ist vom Karton abgeschirmt, nicht das kleinste Leuchten ist zu sehen. Der Schirm am anderen Ende des Tisches aber leuchtet schwach, doch ohne Zweifel.

„Die Erfindung oder die Entdeckung, die war ja zufällig. Röntgen experimentierte da eben mit diesen Hochvakuumröhren und mit diesen hohen Strömen. Es war schon bekannt, dass da Strahlen rauskommen. Er war in einem dunklen Raum und er hatte zudem auch Gegenstände rumliegen im Labor. Also manchmal lohnt sich, wenn es nicht ganz aufgeräumt ist, so kann man es auch hier nennen.“

Ein bisschen Unordnung hat die Medizintechnik mehr als einmal weit vorangebracht. Vielleicht erinnern Sie sich an Folge 2 über Alexander Fleming und die Entdeckung des Penicillins. Unordnung alleine reicht aber leider nicht aus, denn sonst hätte ich bestimmt schon ein ganzes Regal voller Nobelpreise.

„Ich glaube, das Entscheidende war neben dem Zufall, dass er ein sehr systematischer Forscher war. Dass er eben aus dieser Zufallsentdeckung – ‚Da ist Etwas, das sehe ich nicht. Das scheint irgendeine Strahlung zu sein, irgendwie fast wie Licht, aber man sieht dieses Licht nicht‘ – aus dieser Entdeckung mit diesem kleinen fluoreszierenden Material dann sehr systematisch umging. Das er also ausprobiert hat. Er hat sich da wirklich eingeschlossen, hat sich das Essen bringen lassen, kann man schon sagen. Und hat doch in kurzer Zeit rausgekriegt. Das sind Strahlen, die man so bislang nicht kannte.“

Dieses Phänomen hat vorher noch niemand beobachtet, dessen ist sich Röntgen sicher, zumindest hat niemand darüber etwas veröffentlicht. Wenn der Lichtschein der Kathodenstrahlung als Ursache ausfällt, dann muss etwas anderes den Schirm zum Leuchten bringen. Eine neue Art von Strahlung. Etwas, das noch in einem Meter Entfernung von der Quelle wirkt und Barrieren durchdringen kann, die für das Licht undurchdringlich sind. Röntgen kämpft die Aufregung nieder. Dann beginnt er, das Phänomen systematisch zu untersuchen, indem er immer neue Materialien zwischen die Strahlungsquelle und den fluoreszierenden Schirm schiebt, um zu sehen, welche Materialien die Strahlung ungehindert durchlassen und welche sie absorbieren.

„Er hat seine eigene Hand reingehalten und festgestellt, dass er so schemenhaft – das waren so die ersten, ja Durchleuchtungsbilder würde man heutzutage sagen – seine Knochen gesehen hat. Das heißt, das Fleisch, wie man so sagt, drumherum war nichts zu sehen, aber der Knochen. Also das Harte, das sieht man, das weiche Drumherum ist nicht so zu sehen. Fantastisch! Und er selber hat die erst einmal X-Strahlen, x für unbekannt, benannt. Also nicht Röntgenstrahlen. Er war nämlich eher ein bescheidener Mann, zurückgezogener Mann, reiner Forscher könnte man sagen, der ja auch, das können wir später noch mal ansprechen, auf ein Patent verzichtete.“

Wilhelm Conrad Röntgen wird am 27. März 1845 in Lennep geboren, das heute ein Stadtteil von Remscheid ist. Er stammt aus großbürgerlichem Elternhaus, sein Vater ist Tuchhändler und Fabrikant. Als Wilhelm Conrad drei Jahre alt ist, zieht die Familie in die Niederlande; die Mutter ist Niederländerin. Anfangs leben sie in Apeldoorn. 1862 folgt der Umzug nach Utrecht, wo er ab 1863 eine Privatschule besucht. Eine Karikatur beendet hier beinahe seine wissenschaftliche Laufbahn, bevor diese auch nur begonnen hat. Ein Mitschüler hat einen der Lehrer als Witzfigur gemalt und – man hat so etwas dutzende Male in Filmen und Serien gesehen – Wilhelm wird mit der Zeichnung erwischt und weigert sich, den Zeichner zu verraten. Das Bild und seine Loyalität kosten ihm den Abschluss und damit die Zulassung zur Universität. Doch für den jungen Mann steht fest, dass er ein technisches Studium absolvieren will. Röntgen geht in die Schweiz. Am Polytechnikum in Zürich entscheiden keine Zeugnisse, sondern eine Aufnahmeprüfung über die Zulassung zum Studium. 1868 erhält er das Diplom als Maschinenbauingenieur, beginnt anschließend ein Aufbaustudium der Physik und promoviert 1869. Im Jahr 1870 schließlich zieht Röntgen nach Würzburg und nimmt eine Assistentenstelle im Physikalischen Kabinett der Universität Würzburg auf.

1872 heiratet er. Über sein Privatleben, insbesondere in seinen relativ jungen Jahren ist nicht sehr viel bekannt, aber die Tatsache, dass seine Frau Anna Bertha Ludwig, die Tochter eines Zürcher Gastwirt ist, legt den Schluss nahe, dass er neben dem Studium das Leben nicht vernachlässigt hat. Die Universität Würzburg verweigert Röntgen eine Professur. Der Grund natürlich das fehlende Abitur. Logisch. Sonst könnte ja jeder dahergelaufene und offensichtlich begabte, ordentlich promovierte Doktor kommen und einen auf Professor machen. Das geht vielleicht in der Schweiz, aber nicht in Würzburg. Für Röntgen beginnen wissenschaftlich technische Wanderjahre. Er wirkt, lehrt und forscht in Gießen in Straßburg, in Hohenheim bei Stuttgart, bis er schließlich 1888 von ganz oben, von Prinzregent Luitpold von Bayern, zum ordentlichen Professor in Würzburg berufen wird.

„Wilhelm?“ Es ist der Nachmittag des 20. Dezember 1895 Anna Berta betritt das Labor ihres Mannes, in der linken Hand ein Tablett mit einem Kännchen Kaffee und einigen Weihnachtsplätzchen. „Komm rein, komm rein!“, ruft Wilhelm Conrad und winkt. Anna tritt ein und schaut sich seufzend um. Der Raum liegt im Halbdunkel. Die Vorhänge sind wie so oft in den letzten Tagen zugezogen. Nur eine nackte, elektrische Glühbirne am Tisch spendet Licht. Auf der anderen Seite des Tisches steht in einem Stativ die Glasröhre, die ihren Mann seit so vielen Wochen im Bann hält. Und beinahe direkt neben dem Tisch sein Bett. Seit nunmehr fast sechs Wochen, seit jenem Abend Anfang November, sieht Anna Bertha ihren Mann beinahe nur noch, wenn sie ihm Essen bringt oder was er sonst in seiner Studier- und Experimentierhöhle braucht. Er scheint wie besessen. Einmal hat sie ihm gesagt, die Leute würden ihn noch für verrückt halten, wenn er so weitermache. Er hat nur genickt und geantwortet. ‚Ich mache tatsächlich etwas, wovon die Leute, wenn sie es erfahren, sagen werden. Der Röntgen ist verrückt geworden‘. Und als er ihr die Sache erklärt hat, muss sie zugeben, dass das wohl der Wahrheit entspricht. Strahlen, mit denen man in geschlossene Behälter schauen kann und womöglich sogar in den menschlichen Körper? Es ist verrückt.

Sie stellt das Tablett ab, tritt an den Vorhang und zieht ihn ein Stück weit auf. Ein breiter Strahl Sonnenlicht fällt in den Raum und illuminiert ein Ballett von Staubflöckchen. „Wilhelm wirklich, du musst ein bisschen frische Luft reinlassen und die Haushälterin? Wie lange soll das denn noch so weitergehen?“ „Ich weiß, meine Liebe, ich weiß. Aber ich bin beinahe soweit und du kannst mir helfen, das Werk zu vollenden.“ „Ich? Wie denn?“

Anna schaut ihn zweifelnd an und lässt es geschehen, dass er ihre Hand vom Vorhang löst und ihn wieder zuzieht. Er führt sie zum Tisch. „Wir machen eine Fotografie.“ „Ist es dafür nicht ein bisschen dunkel?“, fragt sie. „Ja, für eine normale Fotografie“, antwortet ihr Mann, „aber ich habe herausgefunden, dass meine unsichtbaren Strahlen, ich nenne sie X-Strahlen, Fotoplatten belichten können.“ „Unsichtbare Strahlen, die im Dunkeln Fotos machen. Das ist ja verrückt! Eindeutig.“ „Wir machen eine Fotografie von deiner Hand, wenn du einverstanden bist.“ Sie zuckt die Schultern. Dann nickt sie. „Nur zu.“ Ihr Wilhelm mag vielleicht verrückt sein, aber er ist ganz sicher kein Narr. Und sie brennt darauf, endlich zu sehen, woran er hier arbeitet. Wilhelm Conrad Röntgen löscht das Licht und es wird stockfinster. Sie hört ihn mit etwas klappern, dann rascheln, Papier wird über Papier gezogen, Schraubgeräusche, das Hin- und Herrücken von Holz auf Holz. „Gib mir deine Hand!“, sagt er und Anna streckt ihre Hand in die Dunkelheit. Nach einigem Herumtasten findet sie die Hand ihres Mannes. „Die andere, gib mir die rechte Hand, Anna, die mit dem Ring!“ Er ergreift ihre rechte Hand, zieht sie vorsichtig zum Tisch und legt sie auf etwas Kühles, Glattes, eine Fotoplatte, vermutet sie. „Nicht bewegen!“

Ihr Mann macht einige Handgriffe über und auf dem Schreibtisch. Und Anna wundert sich, wie er in dieser vollkommenen Dunkelheit arbeiten kann. „Ich habe das an die hundertmal bei Licht gemacht. Meine Hände wissen genau, was zu tun ist“, erklärt er, als habe sie ihm die Frage laut gestellt. Jegliches Licht würde die Fotoplatte jetzt verderben. Etwas knackt. Dann hört sie das Brummen, das ihr inzwischen vertraut geworden ist. Oft hat sie es gehört, wenn sie in den letzten Wochen das Labor aufgesucht hat. Und dann beginnt die Glasröhre geisterhaft zu leuchten. Anna hält den Atem an. Die Röhre ist direkt über ihrer Hand, die, wie sie richtig vermutet hat, auf einer Fotoplatte liegt. Sie schaut ihren Mann an, der im Schein der Röhre wie ein Gespenst wirkt, die Augen sind in ihren Höhlen nicht auszumachen, die Haut ist fahl. „Ganz ruhig, meine Liebe, ganz ruhig! Versuch dich 25 Minuten lang nicht zu bewegen, ja?, damit das Bild gelingt.“

Diese 25 Minuten in völliger Dunkelheit gehören zu den längsten in Anna Bertha Röntgens Leben. Es ist nicht unangenehm oder gar schmerzhaft, nein, sie spürt rein gar nichts, bis auf ihre Knie und ihren Rücken, die sich danach sehnen, die Stellung zu ändern. Wenn man sich nicht bewegen darf und einen auch sonst nichts ablenkt, werden 25 Minuten zur Ewigkeit. Zehn Jahre vor Einsteins Veröffentlichung der Relativitätstheorie denkt Anna Bertha über die Relativität der Zeit nach, über alle Gelegenheiten, bei denen sich Sekunden zu Stunden dehnten. Priester und Lehrer scheinen von Haus aus über die Fähigkeit zu verfügen, Zeit wie Kautschuk auseinander zu ziehen, und manchmal auch ihr Mann, wenn er zu einem Vortrag an eine andere Universität reist und sie wartend zurücklässt. Der kleine Wecker klingelt. „Geschafft!“ Wilhelm betätigt einen Kippschalter. Der Raum fällt wieder in völlige Finsternis und Anna Bertha denkt, dass die Schwärze viel weniger unheimlich ist als das unirdische Licht der Glasröhre. Sie rollt mit Schultern und Kopf und geht ein paar Schritte. Dann leuchtet die Lampe auf. „Danke Anna. Komm in einer Stunde wieder. Dann ist das Bild entwickelt.“

Während sich Anna Bertha wieder um den Haushalt und die Familienbuchführung kümmert, entwickelt ihr Mann im Labor das erste Foto eines von X-Strahlen durchleuchteten menschlichen Körperteils. Auf der schwarzen Platte zeichnen sich dunkelbraun die Umrisse von Annas Hand ab, hellgrau die Knochen ihrer Finger und beinahe weiß der Ehering. Der Ring hat, genau wie Röntgen es nach seinen bisherigen Experimenten erwartet hat, die Strahlung fast vollständig verschluckt, Haut und Knochen jedoch sind durchlässig, aber zum Glück in ganz unterschiedlichem Ausmaß, sodass sie sich deutlich voneinander abheben. Röntgen erstellt sofort einen Kontaktabzug mit einer zweiten Fotoplatte, auf der nun der Hintergrund weiß, na ja hellbeige-orange ist, und der Ring ein fast schwarzer Fleck.

„Ja, wenn wir so an die Anfänge der medizinischen Anwendung zurückgucken, und das erste Bild war ja die Hand der Frau vom Wilhelm Conrad Röntgen mit einem Ehering dran, das sieht schon mal sehr gut aus. Man denkt sich. ‚Das ist doch super, da musste man gar nicht mehr viel machen‘. Aber wenn man nachguckt, was denn so die Aufnahmezeit für so eine simple Aufnahme der Hand war, das waren 25 Minuten, also ein sehr, sehr lange Zeit. Erinnert so an die Entwicklung der allgemeinen Fotografie, wo die Bilder meistens doch lange brauchten, bis was aufgenommen wurde. Die Aufgenommenen haben meistens sehr ernst geguckt, wahrscheinlich weil sie so lange sitzen mussten. Heutzutage. Handy mit Motion Correction, das geht alles wunderbar.“

Röntgen stürzt aus dem Labor und stürmt die Treppe hinauf. „Anna! Anna!“, ruft er. Eine Bedienstete der Universität, die im Flur die Porträts verdienter Professoren und Magister entstaubt, schaut ihm fassungslos hinterher. Kurz darauf kommt er zurück, springt die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend herunter und zerrt seine arme Frau hinter sich her. Die Bedienstete schüttelt den Kopf. Fünf Minuten später öffnet sich die Labortür erneut und Anna Bertha Röntgen tritt in den Flur. „Geht es Ihnen gut?“, fragt die Bedienstete, „sie seh‘n a weng blass aus?“ „Hmm.“, macht Anna Bertha geistesabwesend. Dann schaut sie die junge Frau an. „Ich habe meinen Tod gesehen“, sagt sie und fügt achselzuckend hinzu. „Aber jetzt muss ich mich wieder um den Stollen kümmern.“ Dreht sich um, geht zur Treppe und verschwindet im oberen Stockwerk. Das Dienstmädchen schüttelt den Kopf. „Die Röntchens sind verrückt geworden.“

Nur acht Tage später, am 28. Dezember 1895, überreicht Röntgen seine Schrift über eine neue Art von Strahlen dem Sekretär der Würzburger Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft zur Veröffentlichung und bereits in der ersten Woche des Jahres 1896 wird sie gedruckt. Zudem schickt Röntgen Sonderdrucke mit neun Fotos an prominente Wissenschaftler. Am 12. Januar stellt Röntgen seine Entdeckung persönlich Kaiser Wilhelm II. vor, und am 23. Januar folgt ein Vortrag auf einer Sitzung der Würzburger Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft im vollbesetzten Hörsaal des Physikalischen Instituts. Es wird ein Triumph mit stehenden Ovationen. Möglicherweise werden sogar Hüte in die Luft geworfen. Sicher ist jedenfalls, dass der Anatom Albert Kölliker noch während der Veranstaltung vorschlägt, die X-Strahlen von nun an Röntgensche Strahlen oder Röntgenstrahlen zu nennen, was umgehend von allen Anwesenden begeistert beschlossen wird. Sicher ist es kein Zufall, dass ausgerechnet ein Anatom den Vorschlag machte, wahrscheinlich hat er sofort begriffen, welche Bedeutung die Entdeckung für sein Fachgebiet hat.

Die Nachricht von den Röntgen oder X-Rays, wie sie im englischsprachigen Raum noch immer heißen, geht wie ein Lauffeuer um die Welt. Nie zuvor hat sich eine neue Technologie so schnell verbreitet. Das hat vor allem drei Gründe. Die Fotos sind schlicht und ergreifend spektakulär. Der Blick in den lebenden Körper ist etwas völlig Neues und hat neben der wissenschaftlichen Bedeutung für die breite Öffentlichkeit auch eine sensationelle, morbide, unheimliche und unglaubliche Seite. Der „London Standard“ schließt seinen ersten Artikel über die neuen Strahlen mit den Worten. „Die Zeitung versichert ihren Lesern, dass dies kein Scherz oder Humbug ist. Es handelt sich um eine seriöse Entdeckung eines seriösen deutschen Professors.“ Außerdem ist Anfang 1896 die Globalisierung weit genug fortgeschritten, um diese schnelle Verbreitung überhaupt möglich zu machen. Ein weiterer sehr wichtiger Faktor ist Röntgens Entschluss, die Entdeckung nicht patentieren zu lassen, sondern der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen.

Schon im Januar 1896, keine drei Monate nach Röntgengerät Zufallsentdeckung, wird das neue Verfahren erstmals medizinisch angewendet. Ein englischer Arzt findet in der Hand einer Frau eine Nadel. In einem Londoner Krankenhaus entdecken Ärzte mithilfe der X-Rays bei einem gelähmten Matrosen eine abgebrochene Messerspitze zwischen zwei Wirbeln, können sie operativ entfernen und den Patienten heilen. Dank der neuen Technik kann ein Gelähmter wieder gehen. Ebenfalls im Januar 1896 lässt der Zahnarzt Otto Walkhoff durch einen Freund die erste Röntgenaufnahme eines Gebisses, seines Gebisses, anfertigen. Walkhoff schreibt. „Die notwendige Expositionszeit von 25 Minuten (!) war eine Tortur.“

Ich glaube das sofort, schon eine normale Zahnarztbehandlung wäre viel leichter zu ertragen, wenn man dabei nicht die ganze Zeit den Mund aufsperren müsste. Und ich kann zwischendurch wenigstens mal spülen und den Kiefer wieder einrenken. Walkhoff musste absolut stillhalten. Das ist insgesamt vielleicht auch keine so gute Idee ist, den Kopf 25 Minuten mit Röntgenstrahlen zu beschießen, ist noch eine ganz andere Sache, um die sich damals noch niemand Sorgen machte. Wie dem auch sei, nie zuvor wurde eine Entdeckung so schnell in medizinische Praxis überführt.

Im Folgenden brach eine regelrechte Röntgen-Manie aus. Da es keinen Patentschutz gab, konnte jeder einen Röntgenapparat herstellen und damit experimentieren, diagnostizieren oder einfach alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war, mit den X-Strahlen durchleuchten. Röntgenapparate werden zur Jahrmarktsattraktion und zum Party Gag. In Amerika will Thomas Alva Edison einen billigen Röntgenapparat für den Haushaltsgebrauch auf den Markt bringen. In Deutschland plant ein Spielzeughersteller Röntgengeräte für Kinder. Uns stehen die Haare zu Berge, wenn wir so was hören. Den Leuten damals fallen stattdessen ab und zu die Haare aus. Was aber erst einmal niemanden weiter kümmert. Eine der berühmtesten Auswüchse der Röntgen-Manie sind die Pedoskope, die allerdings erst um 1920 entwickelt und an Schuhgeschäfte verkauft werden. Die Kunden können die Passform der Schuhe anhand eines Röntgenbildes überprüfen, live. Geniale Idee, die mir vielleicht einige Fehlkäufe und Blasen erspart hätte. Aber zu welchem Preis? Bizarrerweise wurden Pedoskope in Deutschland erst mit der Röntgenverordnung von 1973 abgeschafft, zu einer Zeit also, als die Gefährlichkeit der Strahlung längst bekannt war.

„Eigentlich schon ziemlich am Anfang bei der Entdeckung der Röntgenstrahlen war klar, dass die sehr weit sich ausdehnen, ausbreiten, dass sie eben sehr energiereich sind, also vieles durchdringen könnten. Aber es gibt durchaus, man nennt sie auch Märtyrer der Röntgenologie, der Radiologie am Anfang, die eben nicht bedachten, wie gefährlich die Strahlung ist. Also es wurde erst mit der Zeit, wenn auch schon in den ersten 10, 20 Jahren nach der Entdeckung klar. Diese Strahlen haben nicht nur einen unschätzbaren Vorteil, eine Revolution der Medizin, sondern sie sind gefährlich.“

Schon wenige Monate nach Röntgens Entdeckung häufen sich Berichte über Haarausfall, Probleme mit den Augen und Hautverbrennungen sowohl bei Patienten, vor allem aber bei den Forschern, die sich immer wieder im Selbstversuch den X-Strahlen aussetzen. Wie gefährlich die Strahlung wirklich ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand. Man spricht vom „Röntgen-Sonnenbrand“ und macht unbekümmert weiter. Die Öffentlichkeit macht sich keine Sorgen um Strahlenschäden, sondern um vermeintliche Röntgenbrillen und die Gefahren für die Sittlichkeit. Bald wird röntgensichere Unterwäsche zum Verkaufsschlager.

Exemplarisch ist die Geschichte von Clarence Madison Dally, einem Assistenten von Thomas Alva Edison, der den Röntgenapparat für den Massenmarkt entwickeln soll und ihn immer wieder an sich selbst ausprobiert. Als erstes fallen ihm die Haare aus. Seine linke Hand ist voller Verbrennungen, doch sobald diese abgeheilt sind, setzt er sie erneut der Röntgenstrahlung aus. In seinem Gesicht bilden sich Geschwüre und die linke Hand, die er immer wieder durchleuchtet, schwillt an. Dally lässt die Schwellung abklingen und macht weiter. Als die linke schließlich gar nicht mehr zu gebrauchen ist, muss die rechte als Testobjekt herhalten. Spätestens 1902 ist sicher, dass einige seiner vielen Geschwüre Karzinome sind. In den folgenden zwei Jahren müssen die Ärzte ihren Patienten Schritt für Schritt aufgeben. Als erstes wird ihm die linke Hand amputiert. Dann folgen vier Finger der rechten Hand, schließlich nacheinander beide Arme. 1904 stirbt Clarence Dally im Alter von 39 Jahren. Er gilt als das erste Opfer der Röntgenstrahlen. Hunderte Forscher, Mediziner und Amateure sterben in den folgenden Jahren an der Strahlenkrankheit. Edison zieht sich aus der Erforschung der X-Strahlen zurück und bekennt. „Ich habe Angst davor.“

„Und da wurden dann verschiedene Möglichkeiten entwickelt, diese Gefährlichkeit einzuengen wie Abdeckung durch Blei, Bleischürzen sind ja bekannt. Wie technische Verbesserungen, dass mit deutlich weniger Röntgenstrahlen gerade durch die Digitalisierung die gleich gute Bildqualität erreicht werden kann. Entscheidend war, dass diese Produktionsquellen für die Röntgenstrahlen an sich, diese sogenannte Röntgenröhre – früher hat man das Vakuumröhre genannt – sehr viel effektiver wurden, also sowohl in der Energie, die da ausgesandt wird, damit den Körper durchdringt wie eben auch an Strahlenschutzvorrichtung, dass man das einengen kann, auf den Bereich, der wirklich wichtig ist. Und genauso auf der Seite, wir sagen dazu Detektor, also wo das Bild gemacht wird. Das, was wir als Röntgenbild heutzutage bezeichnen, da ist enorm viel passiert, einfach hoch sensible Materialien, die wir dann inzwischen verwenden. Dann kamen irgendwann auch Verstärkerfolien hinzu, die mit Fluoreszenz diese Röntgenquanten noch mal verstärken, also sie ins sichtbare Licht übersetzten. Und zuletzt der Quantensprung in der Digitalisierung in den 90er Jahren, das habe ich selber erlebt, wo eben mit viel weniger Röntgenstrahlen, das ist schon mal der eine Effekt, Bilder gemacht werden konnten, die aber auch dann wesentlich präziser waren.“

2011 hat der niederländische Radiologe Gerrit Kemerink eine Röntgenapparatur aus dem Jahr 1896 nachgebaut und festgestellt, dass die Strahlendosis für ein Röntgenbild etwa 1.500-mal so hoch war wie bei modernen Apparaten. Anders als viele andere Pioniere der neuen Technik entgeht ihr Erfinder übrigens der Strahlenkrankheit. Denn Conrad Wilhelm Röntgen hatte sich bald zur Angewohnheit gemacht, das Labor während der Aufnahmen zu verlassen. Nicht weil er sich Sorgen wegen seiner Gesundheit machte, sondern weil er die unbeleuchteten Fotoplatten in der Tasche seines Laborkittels herumzutragen pflegte. Schnell merkte er, dass sie dort ebenfalls der Strahlung ausgesetzt waren und belichtet wurden, wenn er sich in der Nähe der Apparatur aufhielt. Er wollte die Platten schützen und rettete damit sich selbst.

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen war die Geburtsstunde der Radiologie und das erste sogenannte bildgebende Verfahren der Medizin. Auch heute noch ist sie bei vielen Verletzungen und Krankheiten so wie in der Früherkennung eines der wichtigsten Diagnoseverfahren. Die Anwendung aber hat sich drastisch verändert. Mit hoch empfindlichen digitalen Sensoren anstelle der Fotoplatten mit ultrakurzen Belichtungszeiten, schwächeren und zuverlässigeren Strahlenquellen, einer genauen Eingrenzung der zu bestrahlenden Stelle und detaillierten Strahlenschutzvorschriften ist das Röntgen und andere Techniken der Bildgebung zu einem unverzichtbaren und vergleichsweise risikoarmen Mittel geworden.

„Hier ist sehr viel im Fluss und insbesondere durch das Hinzukommen röntgenfreier Bildgebungsmethoden wie Ultraschall und MRT, die wir gerade bei Kindern und Jugendlichen einsetzen, die ja strahlensensibler sind als ältere Menschen, wurde extrem viel erreicht. Aber es ist ein Bereich der extrem im Fluss ist, wo sehr viel Entwicklung noch notwendig ist, um hier mit minimalen Nebenwirkungen maximalen Nutzen zu erreichen.“

Nicht nur zur Diagnose kommen Röntgenstrahlen zum Einsatz, sie können auch therapeutisch verwendet werden, etwa zur Zerstörung von Krebszellen. Auch hier gab es einige Ansätze, die uns heute absurd vorkommen und mit schrecklichen Nebenwirkungen verbunden waren. Schon ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Röntgenstrahlen gegen die Kopfhautringelflechte eingesetzt, eine vor allem bei Kindern verbreitete Pilzkrankheit, die zu schuppenartigen Veränderungen der Kopfhaut und Haarausfall führt und oft von schweren Infektionen verschlimmert wird. Die Bestrahlung konnte die Ringelflechte vollständig heilen. Hunderttausende Kinder wurden bis 1959 auf diese Weise behandelt. Doch bei vielen von ihnen traten später gutartige und bösartige Gewächse auf der Hirnhaut auf. Heute ist die Strahlentherapie eine wichtige und zuverlässige Therapieform, zum Beispiel im Kampf gegen den Krebs. In der Strahlen- oder Radiotherapie kommen neben Röntgenstrahlen auch Gammastrahlung, Elektronenstrahlung, Neutronen, Protonen und schwere Ionen zum Einsatz. Aber alles fing an mit Konrad Röntgens X-Strahlen. Ein kleiner Hinweis. Das Weglasern peinlich gewordener Tätowierungen gilt nicht als Strahlentherapie.

Auch außerhalb der Medizin haben Röntgenstrahlen große Bedeutung. Die Röntgenastronomie untersucht besonders energiereiche Objekte im Universum, etwa Röntgendoppelsterne oder die Zentren von Galaxien. Röntgenstrahlen geben Aufschluss über die Struktur von Stoffen und Substanzen bis hin zur DNA. Sie helfen, kleinste Risse und Brüche in Materialien zu erkennen. Sie ermöglichen zerstörungsfreie Untersuchungen in der Archäologie. Mumien sind beliebte Röntgenpatienten. Röntgenstrahlen erlauben es Kunsthistorikern, die Entstehungsgeschichte von Gemälden zu ergründen und Fälschungen zu entlarven. Röntgenlaser können Röntgenblitze erzeugen, deren Wellenlängen so gering ist, dass damit sogar Details des Atomaufbaus erkennbar sind. Wie bei jeder Erfindung gibt es natürlich auch hier eine dunkle Seite. Bereits in den 80er Jahren wurden Röntgenlaser als Bestandteil der Strategischen Verteidigungsinitiative SDI, besser bekannt als „Star Wars-Programm“, eingeplant. Heute wird an Prototypen für eine Röntgenlaser-gestützte Luftabwehr gearbeitet.

Röntgenstrahlen waren das erste der sogenannten bildgebenden Verfahren, die uns Einblicke in den menschlichen Körper erlauben, die bis zum 8. November 1895 völlig undenkbar waren. Inzwischen sind viele weitere dazugekommen, Ultraschalluntersuchungen, sie wissen schon die, mit denen diese seltsamen Fotos von Embryos gemacht werden, zu denen man immer ,Och wie süß!‘ oder ,Ganz der Papa!‘ sagen muss, obwohl sie bestenfalls wie Schneesturm im Nebel oder schlimmstenfalls wie eine Mischung aus Alien und Blair Witch Project aussehen. Ich schweife schon wieder ab. Außerdem, unter anderem die Magnetresonanztomografie, MRT – das sind diese Röhren, in die man sich auf keinen Fall mit Piercings reinlegen sollte – und die Computertomografie, CT. Die Computertomografie ist für unsere Geschichte des Röntgen auch deshalb interessant, weil es sich letztlich um eine Weiterentwicklung desselben handelt.

Im Jahr 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, entwickelt Johann Radon, Professor für Mathematik an der Universität Wien, eine mathematische Methode, die später nach ihm Radon-Transformation benannt wird. Radon gilt als gewissenhafter Gelehrter, aber auch als geselliger und gütiger Mensch. In jenem dritten Kriegsjahr ist er 30 Jahre alt und nur dank seiner starken Kurzsichtigkeit der Einberufung an die Front entgangen. Die Radon-Transformation ist eine lineare integrale Transformation und was das bedeutet, muss ich hier sicher niemandem erklären. Kleiner Scherz. Ehrlich gesagt, ich habe das Ganze auch nicht verstanden, aber zum Glück ist das hier ja kein Mathematik-Seminar. Also lassen wir das für den Moment einfach so stehen. Was uns interessiert ist der Umstand, dass die Radon-Transformation das mathematische Verfahren ist, das es ermöglicht, bei einer Computertomografie aus den vielen einzelnen Röntgenbildern, die der um den Patienten rotierende Röntgenapparat erstellt, eine dreidimensionale Ansicht des Inneren des menschlichen Körpers zu erstellen. Ein Röntgen-3-D-Scanner, wenn man so will.

1917 gibt es noch keine Computer und keine praktische Anwendung für die Methode. Radon selbst glaubt, er untersuche ein abstraktes Problem der reinen Mathematik und kann im Jahr 1917 noch nicht ahnen, welche praktische Bedeutung seine Arbeit Jahrzehnte später haben wird. 1954, 37 Jahre später, erklärt er in einer Rede. „Oft liegen die Dinge so, dass mathematische Theorien in abstrakter Form vorliegen, vielleicht als unfruchtbare Spielerei betrachtet, die sich plötzlich als wertvolle Werkzeuge für physikalische Erkenntnisse entpuppen und so ihre latente Kraft in ungeahnter Weise offenbaren.“ Die Radon-Transformation hält heute niemand mehr für eine Spielerei und Radons Schrift von 1917 zählt zu den meist zitierten mathematischen Arbeiten des 20. Jahrhunderts. Ab 1957 arbeitet Allan M. Cormack an Studien, die den Weg zur technischen Umsetzung der CT-Scans bereiten sollen. Leider weiß er aber nichts von Radons mathematischen Vorarbeiten. Wie gesagt, die waren ursprünglich nicht gerade wie eine Bombe eingeschlagen. Und er muss die ganze Methode noch einmal selbst erfinden. Bei der Überführung seiner Überlegungen in die praktische Anwendung aber scheitert er. Erst 1972 stößt er durch Zufall auf Radons Arbeit und stellt bei weiteren Nachforschungen darüber hinaus fest, dass auch Radon sich eine Menge Arbeit hätte sparen können, wenn er seinerseits auf die Arbeiten von Hendrik Antoon Lorentz zurückgegriffen hätte, von denen er aber leider nichts wusste. 1969 schließlich entwickelt der Elektrotechniker Godfrey Hounsfield den ersten funktionierenden Prototypen. Und wie es in der Entwicklungsgeschichte der Computertomografie inzwischen Tradition ist, entwickelt er die ganze dafür notwendige Mathematik selber. Da er nichts von den Arbeiten von Lorentz, Radon und Cormack weiß. Tja, wer weiß, wie oft das Rad erfunden wurde, bevor der erste Wagen rollte.

„Ja und das ist eigentlich das Prinzip vom СT. Ich drehe mich um den Körper. Das hat am Anfang in den 70er Jahren in den EMI-Studios ewig gebraucht. Was ich selber so erlebt habe, vielleicht ein Beispiel. Eine Computertomografie der Lunge, das brauchte 1997 doch eine gewisse Zeit. Also eine CT-Untersuchung des Brustkorbs, wir sagen Thorax dazu, das waren doch 20 Minuten. Denn der Körper wurde Schicht für Schicht langsam abgetastet, und eine Umdrehung oder es waren auch mehrere Umdrehungen, um mehr Informationen zu bekommen von ein und derselben Stelle, die benötigten doch einen Atemstopp von 20 Sekunden, um eine Aufnahme, von einem Zentimeter Dicke vielleicht, aus dem Körper zu bekommen. Dann fuhr der Tisch ein Stückchen tiefer in die Röhre rein. Wieder dasselbe Manöver. Einatmen. Ausatmen. Nicht atmen. Bildaufnahme. Weiteratmen. Dann fuhr der Tisch weiter. Heutzutage fahren wir in zehn Sekunden mit der sogenannten Spiral-CT durch den kompletten Körper. Also wenn ein schweres Unfallopfer zu uns kommt, das wird auf dieses, wir nennen es Polytrauma-CT, auf eine Liege gelegt. Der Strahl dreht sich in unglaublicher Geschwindigkeit mit sehr unglaublichen Kräften, die da bewegt werden, um den Körper und wir kriegen hoch präzise Aufnahmen von jeder Ecke des Körpers und können sagen, was da jetzt passiert ist und wie die Behandlung jetzt sein muss.“

Das Röntgen ist nur noch eine Technik unter vielen, um Bilder, Bewegtbilder, dreidimensionale Bilder vom Inneren des Körpers zu bekommen. Zum CT gesellten sich die Magnetresonanztomografie und der Ultraschall, die ohne schädliche Strahlung auskommen. Aber sie haben die geheimnisvollen X-Strahlen des Wilhelm Conrad Röntgen nie ersetzt, sondern immer nur ergänzt. Apropos ersetzen. Von der Vergangenheit haben wir nun eine Menge gehört, aber wie sieht es eigentlich mit der Zukunft aus? Es gibt gar nicht wenige Leute, die meinen, Radiologinnen und Radiologen würden sicher bald durch KI-Systeme ersetzt. Bilder angucken und auswerten, das kann Kollege Computer doch inzwischen.

„Neben allem technischen Fortschritt, von ‚Ich werde noch schneller.‘ und ,Ich brauch weniger Röntgenstrahlen dazu.‘, was ganz, ganz wichtig ist für den Strahlenschutz, ist die wichtigste Entwicklung derzeit die künstliche Intelligenz. Das heißt, die Unterstützung, dass wir noch durch die Flut, möchte ich es nennen, der Bilder gut durchkommen. Moderne CTs, aber noch mehr MRTs, Kernspintomografen, produzieren in kürzester Zeit mehrere hundert, ja mehrere tausend von Bildern. Die durchzugucken, da durch zu navigieren, durch diese 3-D-Volumen-Datensätze, durch diesen Bild- und Körperraum, das führt uns an die Grenzen inzwischen. Das heißt, wir benötigen eine Assistenz, um zu sagen, das sind Bereiche, die sind verändert. Und hier haben wir wirklich in den letzten drei, vier Jahren doch deutliche Fortschritte gesehen. Künstliche Intelligenz gibt es eigentlich seit 10, 20 Jahren schon im Sinne von Machine Learning, die uns aber eigentlich eher ratlos immer zurückgelassen haben, da sie entweder viel zu sensitiv waren. – also ich habe viel zu viel vermeintlich Pathologisches, Krankhaftes gesehen – oder es wurde übersehen; beides eine Katastrophe. Inzwischen sind die für spezifische Fragestellungen, zum Beispiel in der Mammografie, extrem gut geworden. Aber es sind halt immer nur einzelne spezifische Dinge wie beim Auto Assistenzsysteme. Wir setzen das heutzutage schon ein, seit einem Jahr, auf die Erkennung von rundlichen Verdichtungen in der Lunge. Und dann erlaubt dieser Algorithmus eine erste Einschätzung, ob rundliche Verdichtungen, das können Entzündung sein in der Lunge oder auch Tumorzellabsiedelungen da sind oder nicht da sind. Sie können zwischen diesen Dingen nicht differenzieren. Das müssen wir mit unserer Erfahrung machen können. Aber all die Dinge, die sonst auf dem Röntgenbild zu sehen sind, wie eben Vergrößerung des Herzens oder Veränderungen am Knochen oder eine Schwellung der Weichteile oder eine Erweiterung der Hauptschlagader, die lebensbedrohlich sein kann, erkennt der Algorithmus nicht. Es gibt inzwischen sehr wohl schon Netzwerke, die drei, vier Dinge gleichzeitig bearbeiten können und es wird sicherlich immer mehr werden. Aber eben das, wie ich sage, Unerwartete, das bleibt immer das Problem.“

Ja, das Unerwartete bleibt immer das Problem. Manchmal aber ist es auch der Beginn einer Lösung. So wie 1895, als Wilhelm Conrad Röntgen ein unerwartetes Leuchten in seinem Labor bemerkte. Und für das Unerwartete, da bleiben auf absehbare Zeit wir Menschen die Experten.

Ich danke Ihnen allen fürs Zuhören und ganz besonders bedanke ich mich bei Professor Dr. Meinrad Beer für seine Zeit und seine kompetente und freundliche Unterstützung. Ich würde mich freuen, wenn Sie, wenn ihr, wenn du auch bei unserer nächsten Zeitreise dabei wärt. Dann schauen wir nämlich nicht in den Körper, sondern in die Seele und erzählen die Geschichte der Psychotherapie. Also hoffentlich bis bald bei „Siege der Medizin“. Bleiben Sie gesund und neugierig! Ihr Ulrich Noethen

Siege der Medizin – ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau

Executive Producers Dr. Dennis Ballwieser und Peter Glück – Faktencheck Dr. Martin Allwang – Autoren Lutz Neumann, Volker Strübing – Interviews Simone Terbrack, Lutz Neumann – Musik Johannes Kornelius – Produktion Philipp Klauer, Felix Stäblein – Recherche und Unterstützung Carsten Weichelt, Elena Urban, Alexander Weller – Projektleitung Sven Rühlicke, Ruben Schulze-Fröhlich – Produziert von den Wake Word Studios in München.

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